aktive Schützen


Einen großen Unterschied weist der Junggesellen Schützenverein Erwitte zu vielen anderen Schützenvereinen im Sauerländer Schützenbund auf. Grünweiße Vereinsfarben und -fahnen, grüne Uniformjacken und ein Jägerhut sind hier nämlich nicht anzutreffen. Die Uniform der Junggesellen ist wohl ebenso alt wie die ältesten Geschichten über diese Gemeinschaft. Woher diese Uniform genau stammt und aus welchem genauen Jahr sie hervorgeht, lässt sich mit Sicherheit nicht mehr sagen. Viele Komponenten wurden wohl nach und nach eingeführt und komplettierten das heutige Erscheinungsbild. Nachweislich ist die Uniform seit über 100 Jahren aber nicht mehr abgeändert worden, was die ältesten Vereinsfotos aus dem Jahr 1910 beweisen. 



Die Uniform setzt sich im Einzelnen zusammen aus den sehr prägnanten weißen Gamaschen, welche über der schwarzen Stoffhose getragen, und mit einer Knopfleiste an der Außenseite geschlossen werden. Sie verdecken die Unterschenkel bis unter das Knie und schließen direkt an die Schuhe an. Gamaschen dienten einst den Infanterie-Fußsoldaten als Schutz für die Beine vor Fremdeinwirkungen und Nässe. In der weißen Form wie sie bei den Junggesellen zu finden sind wurden sie von preußischen Soldaten, seit der Einführung einer einheitlichen Uniform im Jahre 1709, getragen und 1756 gegen schwarze Gamaschen eingetauscht. Die 1728 gegründete „Löbliche Schützen Bruderschaft“ - heute Männer Schützenverein Erwitte - hatte im Jahr 1828 die Einführung von weißen Gamaschen, statt weißer Oberstrümpfe als deren Uniform beschlossen. Daher ist anzunehmen, dass die Junggesellen in dieser Zeit ebenfalls bereits weiße Gamaschen getragen haben dürften.

 

Als Bedeckung für den Oberkörper tragen die Offiziere einen Gehrock mit roten Ärmelpaspelierungen. Ein Gehrock ist ein schwarzer, knielanger Mantel der besonders im 19. Jahrhundert zu festlichen Anlässen getragen wurde. Dazu, wie im 19. Jhd. üblich, weiße Handschuhe und eine weiße Fliege zum weißen Stehkragenhemd. Auf den Schultern befinden sich altpreußische Dienstgradabzeichen, auch Epauletten genannt, wie sie um 1866 im preußischen Militär Einzug fanden. Sie sind meist in Gold auf rotem Grund. Eine grün-rote Seidenschärpe, welche von der rechten Schulter zur linken Taille quer über die Brust und den Rücken verläuft, rundet das Bild ab. Der Fähnrich und der Oberst hingegen besitzen eine Leibschärpe, welche waagerecht in Beckenhöhe getragen wird. Schärpen sind bereits aus dem 15. Jhd. von Landsknechten bekannt und seither Bestandteile von Rüstungen und Uniformen. Sie symbolisieren mit ihren Farben die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Schärpen stammen noch aus einer Zeit wo es u.a. aus Kostengründen keine einheitlichen Uniformen gab. Auf der linken Brustseite tragen die Offiziere ein Tuchabzeichen, die sog. Brustlust, die ebenfalls in den Vereinsfarben gehalten ist. Die Schützen tragen dieses grün-rote Abzeichen in kleinerer Form als sog. Kokarde, wie sie auch zur französischen Revolution 1789 als Erkennungszeichen getragen wurde und auch von den preußischen Soldaten als Erkennungsmerkmal bekannt ist. Das kreisrunde Stoffabzeichen, die Kokarde befindet sich auch an den Dreispitzen des „Schwamm-“ (normale Schützen-Kompanie) und an den Zweispitzen des „Sturm“ (Königskompanie). Als Kopfbedeckung tragen die Offiziere einen Zweispitz, auch Stürmer genannt. Dieser Hut ist im Gegensatz zu den Zweispitzen des Sturm: ohne Kokarde, aber umrandet mit goldenen Tressen, einem goldenen Steg und oben heraus ragt ein rötlicher Federbusch aus Hahnenfedern. Zweispitze gehörten zur Uniformierung in allen europäischen Armeen im 18. Jhd. und sie waren stets ein Erkennungszeichen von Offizieren. Die aktiven Schützen, der Fähnrich und der König tragen einen Dreispitz oder Dreimaster. Auch dieser gehörte ab 1709 zu Uniform der preußischen Musketiere. Bei den Schützen sind dunkle Hahnenfedern am Hut befestigt. Der Königshut ist daran zu erkennen, dass er mit goldener Tresse umrandet ist und keinerlei Federbusch aufweist. Dreispitze gehörten zudem zur gängigen Landestracht im 18. Jhd. und waren daher auch in der Landbevölkerung weit verbreitet.

 

Als Paradewaffe tragen die Offiziere einen preußischen Infanterie-Stichdegen oder einen Säbel. Die Fahnenoffiziere und der Hauptmann tragen einen sog. Sponton, volkstümlich für Lanze (kurze Pike, ähnlich Hellebarde). Eine Gardewaffe wie sie unter Friedrich I. v. Preußen (1657-1713) in der preußischen Armee eingeführt wurde. Der Sponton entstand im Jahre 1690 in Brandenburg aus einem ursprünglich, mittelalterlichen, lanzenähnlichen Spieß, auch Saufeder genannt. Nachweislich fanden Spontone in Erwitte auch schon beim  Männer-Schützenverein Verwendung, wie aus deren Akten hervorgeht, die mit dem Jahr 1834 datiert sind. Die drei Originale des Erwitter Schützenvereins sind, nach Schätzungen bereits aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges (~1755).

 

 

Der Oberst und Vereinsvorsitzende ist ganz besonders unter den anderen Offizieren zu erkennen. Ihn zeichnen die in beckenhöhe gebundene Leibschärpe und die mit Goldfransen besetzten Epauletten aus. Zudem trägt der Oberst ein Brustschild (Ringkragen), engl. Gorget, welches ebenfalls mehrere hundert Jahre alt sein dürfte. Auf diesem halbmondförmigen Brustschild steht auf Französisch: „Hony soit qui mal y pense; Dieu et mon Droit“ - „Schande dem, der schlecht dabei denkt; Gott und mein Recht“. Dieser Leitspruch gehört zum englischen „St. Georgs-Orden“, besser bekannt als „Hosenbandorden“. Zudem ist das Wappen des englischen Königshauses (1714-1801) eingraviert. Das Brustschild ist durch die Form und die Gravierung auf einen Entstehungszeitraum zwischen 1750 und 1760 zurückzuführen. Ein solches Brustschild wurde in dieser Zeit nur von englischen Offizieren getragen, als Zeichen ihrer Macht und wertgeschätzten Herkunft. Vermutlich hat es, ähnlich wie die Spontone, seinen Weg während des Siebenjährigen Krieges nach Erwitte gefunden.

Im Mittelpunkt steht das amtierende Königspaar. Die Königin trägt ein verziertes Diadem im Haar, welches in den 1950er Jahren gestiftet wurde. Zudem trägt sie ein langes Ballkleid und eine grün-rote Schärpe mit goldenen Fransen und eingestickter Krone. Der König trägt, ebenso wie die Offiziere, ein Gehrock mit Schärpe und Epauletten. Um den Hals trägt er eine große Königskette, welche auf das Jahr 1966 zurückzuführen ist. Eindrucksvoll sind die sog. Königsherzen, die im Umzug von König und Königin vor dem Oberkörper getragen werden. An diese großen Stoffherzen sind die gestifteten Königsorden aller Königspaare der letzten Jahrzehnte angebracht. Die Könige des 19. Jhd. spendeten jeweils eine echte Silbermünze mit ihren eingravierten Namen und der Jahreszahl ihrer Regentschaft. Heute sind die gestifteten Orden in Größe und Form sehr individuell. 

nach: Heimatblattartikel als Beilage zur Tageszeitung „Der Patriot“ 5/2016 Folge 8: „Junggesellen Schützenverein Erwitte 1726 e.V. – mehr als 290 Jahre Schützenbrauchtum“ von Kai Günther, Erwitte